52 Wochen, 52 Fotos: Januar

Moin liebe Leser!

Ich habe mir vorgenommen, jede Woche ein Foto zu schießen. Also, ein Foto mit der Spiegelreflex, dass mir gefällt. 52 Fotos in den 52 Wochen des Jahres also. Jede Woche veröffentliche ich auf diesem Blog ein Foto mit einem kleinen Text dazu.

Das erste Foto des Jahres entstand an Silvester in Zakopane. Ich war aus irgendeinem Grund alle in der Wohnung und langweilte mich. Dann erinnerte ich mich an den Vorsatz, jede Woche ein Foto zu veröffentlichen. Weingläser, Luftschlangen und die Motivation, das 52 Wochen Projekt durchzuziehen.

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Silvester

Das zweite Foto zeigt einen Teil der Krakauer Tuchhallen bei Nacht. Ich hatte endlich mein Stativ in Krakau und wollte es benutzen. Leider war mein Kamera-Akku schnell leer, sodass ich bei dem Foto nicht mehr auf den ISO achtete…

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Krakauer Tuchhallen

Das dritte Foto entstand auf dem letzten Drücker, Sonntagabends. Ich hatte das Projekt fast vergessen. Das Poster “Konstytucja” gehört zu den Widerstandsorganisationen und Demos gegen die rechte Regierung Polens. Zusammen mit dem Traumfänger, der in meinem Zimmer hin, entstand dieser nette, fleckig-gelbe Effekt, der das eigentlich graue Foto gut genug für das Foto der Woche machte (außerdem wollte ich nicht in der dritten Woche “scheitern”.

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Konstytucja

Foto vier, Woche vier: Wroclaw. Bei Nacht. Grunwaldski-Brücke mit Blick auf die Dominsel. Ohne Stativ improvisierte ich und -ziemlich gest darn glaubend, dass alle Fotos unscharf sein würden- war ich sehr, sehr begeistert, als ich tatsächlich einen Tag später jede Menge scharfe, gelungene Fotos auf meinen Laptop ziehen konnte. Ohne Stativ. Bei Nacht!

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Wroclaw bei Nacht
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Schiffshupen II

Schiffshupen I hier

Das dreimalige Hupen eines Schiffes bedeutet eine Begrüßung oder ein Abschied von Hamburg. Mein Vater machte sich einen Sport daraus, die Schiffe, ihre Größe und ihre Art, anhand ihres Hupens zu erkennen. Kleine Schiffe und Boote hupen kurz und hell, Containerschiffe dumpf und lang. Wenn mein Vater ein Kreuzfahrtschiff erhörte, sprang er auf, in den Garten bei Sommer und zur Tür bei schlechtem oder kaltem Wetter, um zu schauen, ob er mit seiner Schätzung richtiglag. Ich konnte den Unterschied zwischen einem Kreuzfahrtschiff und einem Containerschiff nie hören. Doch mein Vater bestand darauf, einen zu erkennen. Kreuzfahrtschiffe klangen seiner Meinung nach am Schönsten, am Klingendsten, am Freundlichsten.  Die Stadt und das Wasser gehören untrennbar zusammen, daran erinnert das Hupen der großen Schiffe, deren Laute sich durch die halbe Stadt ziehen: In der Schule, im Chemieunterricht trotz geschlossenem Fenster. In der Einkaufsstraße. Im Freibad. Und im gesamten, wassernahen Wohngebiet. Auch nach unserem Umzug in ein von der Elbe 10-menütig entferntes Haus, klangen die beruhigenden Töne bei der richtigen Windrichtung bis durch mein Fenster.

Durch mein altes Dachbodenzimmer zogen sich nicht allein die Geräusche der am Strand brechenden Wellen und hupenden Schiffe: Möwen schrien, entfernt brummte ein Rasenmäher, meine Geschwister im Garten lachten und spielten fröhlich und die Dachbarren in meinem Zimmer knarzen leise. Die Dachbarren waren holzbraun, dunkelbraun mit diesem Muster, dass Holz typischerweise mit sich bringt. Dunkels Massivholz. Nicht nur die Dachbarren, die das Dach stützen und quer von rechts nach links durch das Zimmer verliefen, auch die schrägen Wände waren mit Holzbrettern vertäfelt und das große Regal, dass eine ganze Zimmerseite ausfüllte, waren in dem gleichen Massivholzton gehalten. Das Bett hingegen war aus einem deutlich noch dunkleren Holz, nussbraun oder gar noch dunkler. Die Jahresringe hoben sich mit dünnen, etwas helleren Linien im Holz ab. Das Bett war alt, schon mein Vater hat, als er ein kleiner Junge war, darin geschlafen, so erzählte man mir. Die Hauptsache damals war jedoch, dass es gemütlich war. Stundenlang lag ich im Bett, lesend. Mal lag ich auf dem Bauch, die Unterarme aufgestützt auf der Matraze, zwischen ihnen das aufgeschlagene Buch. Mal lag ich auf dem Rücken, das Buch in meinen Händen über meinen Kopf gehalten. Auch auf der Seite, den Kopf auf die eine Hand gestützt und die andere Hand an den Seiten des Buches oder sitzend, im Schneidersitz an die schräge Wand über meinem Bett angelehnt, konnte ich mit einem Buch an meiner Seite stundenlang versinken.

Oststadt

War mir schon bei meinem letzten Besuch aufgefallen, wie schön Görlitz war? Ich wusste es nicht mehr. Was ich wusste, war, dass ich mich etwas in diese Stadt verguckt hatte, die nicht besonders groß war, aber alles nötige hatte. Eine Straßenbahn fuhr durch die Fußgängerstraße, die in alten, imposanten Gebäuden Thalia, nanu nana und dm beherberge, außerdem ein h&m, mehr brauche ich absolut nicht. Die Straßenbahn quietscht. Die Bauten auf beiden Seiten bunt angepinselt in gedeckten Farben, einige haben Ornamente oder Figuren, die Fenster blicken wie lebensfrohe Augen, der Fluss ist nicht weit. Auf dem Weg eine Kirche, die aussieht, wie Kirchen eben aussehen, wenn sie in verschiedenen Epochen zu Ende gebaut wurden oder wenn sie mit teils echten, teils neuen steinen nach kriegen wieder aufgebaut werden. Neben der Kirche ein polnisches Restaurant. Piroggi. Bigos. Wenige Schritte weiter Polen.

Ein Fluss trennt eine Stadt, trennt zwei Länder, drei Brücken vereinen sie. Ein kurzes Gespräch auf Polnisch auf deutscher Seite, Grenzen verschwinden. Die Häuser auf der anderen Flussseite plötzlich polnisch: weniger restauriert, alt, sozialistisch. Kalte Blöcke mit schon wieder herunterblätternder Farbe. Fenster an Fenster an Fenster an Fenster. Grau. Zerfallend. Auf andere Weise imposant. Auf andere Weise schön. Auf andere Weise heimisch. Ein Graffiti-Gesicht blickt nach Deutschland. Auf deutscher Seite: Auf einem Platz eine Gedenktafel für die Opfer des Zweiten Weltkriegs und zum Gedenken des Aufstands 53. Ehemalige DDR. Osten. Ostdeutschland. Neues Deutschland. Neue Bundesländer. Viele der imposanten Gebäude stehen leer. Die Bevölkerung zieht weg. Es zieht die Menschen immer in den Westen. Aus der Ukraine nach Polen, von Polen nach Deutschland, von Ostdeutschland nach Westdeutschland, von Westdeutschland in die USA.

Die Stadt lebt. Wirklich lebendig. Wirkt frisch renoviert. Ruhig, still, vielleicht träge, entspannt, aber lebendig. Kleine Gassen und Kopfsteinplasterwege. Ein alter Turm. Schlesisches Museum. Die Decken in den Häusern hoch. Man hat hier Platz, um über sich hinaus zu wachsen, ist nicht beengt. In einer Wohnung alle Wände und Türen weiß, auch die Fensterrahmen. Wunderschön eingerichtet, simpel, vier verschiedene Stühle, ein Tisch, ein Sofa, eine zusammengestückelte Küche, Oma-fliesen im Bad. Doch schlaue Sprüche an der Wand, grüne Pflanzen in einem Regal, Marmeladengläser für Essensreste, ein Whiteboard mit deutsch-polnischen Vokabeln. „Wie viele Sprachen du sprichst, sooft mal bist du Mensch“, sagt Goethe. Musterbeispiel von Grenzenlosigkeit: zweisprachige, binationale Wohngemeinschaft. Liebevoll eingerichtet, behaglich, gemütlich, still, vielleicht träge, entspannt, aber die Stadt lebt.

Sterbende Stadt

Die Tage sind kalt. Plötzlich wieder Minusgrade, obwohl die Reste von Schnee, schwarze Eisberge am Straßenrand, zu schmelzen begannen und die Eisflächen auf dem Gehweg mit Fußspurenabdrücken sich zu verdunstenden Pfützen wandelten. Jetzt wieder Kälte, und wieder dieses Gefühl von einem langen, kalten Winter, der die Sonne ihr Licht schluckt und ihre Wärme und sie hinter dicken, weißen Wolken in Urlaub schickt. Es wird erst später wieder dunkel und doch zu früh, die Wohnung nimmt das Licht nicht auf, sperrt es draußen aus, es ist kurz nach Mittag und meine Wohnung dämmert. Im Halbdunkeln genügsames Nichtstun, an manchen Tagen erfüllt und zufrieden, an wieder anderen resigniert und unterschwellig aggressiv.

Wie ein Tier im Käfig schlage ich Zeit tot, draußen wartet eine kalte Welt, drinnen die Heizung und warmer Tee. Doch keine gemütliche Herbst-Lese-Stimmung, wie auf tumblr-Bildern mit der Decke eingerollt im Bett mit dem Lieblingsbuch in der einen und der Pinguintasse in der anderen Hand, draußen das Geräusch fallender Tropfen auf Asphalt, regelmäßig, konstant, doch es nicht gemütlich, wie es sein sollte. Die Straßenlaterne vor dem Haus malt helle Vierecke an die Wand gegenüber der Fenster, drei dunkle Schneeflocken zieren wie ein gerahmtes Bild den Lichtfleck, Überbleibsel von Tagen voller Weihnachten und weißem Schnee, der zu Schneeengeln und Schneemann bauen einlud.

Frische Luft an diesen Tagen, nun hängt Smog in ihr, steht in der Stadt, über ihr Nebel oder Rauchschwaden, die den Blick verdunkeln. Vielleicht ist es wie in diesem Buch. Die Stadt stirbt, und ich brauchte ein Buch und fünf Monate, um es zu erkennen. Nicht die leerstehenden Häuser und Verkaufsreklamen, ehemalige Sportgeschäfte, Restaurants, Metzger, von denen es noch immer genug gibt, sondern das Sterben. Zu leer, zu still, zu verlassen, zu verfallen manchmal. Nur Alte und Kinder und verlorene Seelen bleiben, alle anderen ziehen weg, nur wenige hier her, und nur, weil es anderswo noch schlimmer ist.

An einem Sonntagabend durch die leergefegte Innenstadt geschlendert, auf der Suche nach einer Beschäftigung und einer schöner kawiarnia, auf der Flucht vor der Enge der immer gleichen vier Wände und manchmal vor den Gedanken, unterwegs nur um unterwegs zu sein, in Bewegung. Zu lange gesessen, gelesen, Zeit totgeschlagen, Bewegung, in Bewegung sein, sich bewegen, wenn schon nicht vorankommen, dann zumindest im Kreis drehen. Ein unsichtbarer Paartanz, das Leben führt und ich folge seinen Schritten, es wirbelt umher, vorbei an leerstehenden Gebäuden und baufälligen Fassaden, lässt mich ein Damensolo nach dem nächsten drehen, mit seinen Füßen mir stets einen Schritt voraus, in meinem Rücken die Zukunft.

Vor den Moment vor meinen Türen eine kawiarnia, ein Café, das in Zweisamkeit die Einsamkeit verscheucht. Eine pralle Karte, Verzweiflung, die Bedienung enttäuscht uns, gerade unsere Wahl war nicht verfügbar, wir würden nochmal in die Karten schauen, noch mehr Verzweiflung, wir schicken die Kellnerin zweimal weg, bevor wir entschlossen am Tresen bestellen. Die Straßen leer, dämmernd der Himmel doch wolkenlos, ein Wochenendtag in den Ferien, es zog alle in die kawiarnia, hier starb niemand, hier blühte das Leben, Eisbecher und Waffeln und Kuchen und Wackelpudding in Rekordzeit verschlungen.

Die Gespräche anderer als wohltuende Hintergrundmusik eigener Gespräche, einer Auszeit des Winters, die Farben hier drinnen hell, unsere Lampen zu Hause schwach. Unterhaltungen, geführt um die Stille zu vertreiben oder um Gedanken auszusprechen und Bestätigung zu suchen, um anzuecken, um einer Stimme zuzuhören. Weiterredend, um keinen Grund zu haben, nach Hause zu gehen. Am Abend schließt die kawiarnia. Vorbei an verlassenen Gebäuden in der Innenstadt, im Zentrum. Sportgeschäfte, Restaurants, Metzgereien, die Stadt stirbt. Langsame Schritte beschleunigen sich, um der Eisnacht zu entkommen, Kälte und Dunkelheit kriecht unerbittlich in meine Kleidung, der Atem schlägt Wolken, die der Himmel nicht hat. Das automatische Licht vor der  Haustüre, die Leichtigkeit den richtigen Schlüssel zu finden und im Schloss zu drehen, Klinke runter, Treppen rauf, nasse Schuhe abstreifen, sockig. Vier Wände zum Schutz gegen den Winter, ein Spaziergang zum Schutz gegen die vier Wände, Gedanken gegen Gedanken, Hoffnung auf wärmere Tage. Bis dahin eine Reise in ein Land, das nicht zu sterben droht.

Ein besonderer Tag

Schreibschriftunübertrefflich – GürtelSchokoladeschieben

Reizwortgeschichte No. 1

Es war ein kühler Sommermorgen, doch es versprach sehr warm zu werden. Schon die vergangenen Tage war es geradezu unausstehlich heiß, die Sonne schien vom wolkenlosen Himmel herab und erwärmte die Luft. Sie hoffte, es würde am Abend regnen oder gar gewittern, denn das würde zumindest für einige Stunden die Temperaturen senken. Sie würde für einige Stunden das Haus verlassen können, ohne schon auf der Türschwelle in Schweißausbrüche zu geraten, die ihr Make-up verlaufen ließen. Noch aber war es kühl, sie fröstelte sogar ein wenig in ihrer rosafarbenen, kurzen Schlafanzughose und dem knallengen, roten Top. Doch das nahm sie fast gar nicht wahr, denn heute war ihr Tag. Der Tag aller Tage. Das Ende ihrer Sehnsucht. Der Anfang ihres Lebens. Heute würde es sich entscheiden. Alles.

In ihrer schönsten Schreibschrift formulierte sie vor Wochen die Einladungen. Unendliche Versuche kostete es sie, die richtigen Worte zu finden, und diese in der richtigen Reihenfolge, an den richtigen Ort zu setzen. Ihre Worte mussten wohldurchdacht sein, jeder einzelne Begriff wurde sorgsam auf seine Eignung überprüft, mehrmals. Dann endlich war sie zufrieden und schrieb mit ihrem teuersten Füller mit dunkelblauer Tinte die Einladung auf wertvolles Papier. Wort für Wort, sorgsam. Kein Rechtschreibfehler, kein Patzer in der Schönschrift, kein Tintenkleks. Sie schrieb die Worte nicht, sie zeichnete sie, mit kunstvollen Bögen und dezenten Serifen, ein wenig verspielt, aber nicht zu sehr, zugleich erhaben, elegant. Vierzig Einladungen, vierzig kleine Kunstwerke, alle perfekt, voneinander kaum zu unterscheiden, schrieb sie in unendlicher Geduld in unendlich langen Tagen und unendlich langen Nächten. Die Karten steckte sie sorgsam in rosenrote Umschläge, auf denen vierzig verschiedene Adressen in der gleichen, kunstvollen Schrift geschrieben wurden. Es waren diese Umschläge, die man verschloss, in dem man sie mit Spucke befeuchtete. Vierzig Mal schloss sie die Augen, als ihre Zunge den bitter-giftig schmeckenden Klebestreifen der Umschläge berührte, vierzig Mal schluckte sie den Geschmack so schnell es ging hinunter. Die vierzig Einladungen in Umschlägen beklebte sie vierzig Mal mit selbstklebenden Briefmarken, für die sie lächerliche 32 Euro ausgegeben hatte, lächerlich wenig im Vergleich zum Geldwert des Papieres. Die vierzig Einladungen in Umschlägen mit Briefmarken gab sie höchstpersönlich in der Post ab, um sicher zu gehen, dass alle schnellst möglich ankommen werden. Briefkästen waren ihr noch nie geheuer- dort konnte sicher leicht ein Brief verloren gehen, und dies durfte unter keinen Umständen passieren.

Sie war aufgeregt, heute, am alles entscheidenden Tag und lief barfuß aus ihrem Schlafzimmer in die Küche, um sich einen kalten Kakao aus Fair-Trade Kakaopulver – drei gehäufte Teelöffel – und Frischmilch zu machen. Normalerweise trank sie ihren Kakao heiß, das Pulver löste sich besser in der warmen Milch und sie genoss das Gefühl, dass sie durchfuhr, wenn der Kakao durch ihre Kehle floss. Doch dazu war es heute einfach zu warm. Während sie wartete, dass sich die letzten Kakaopulverklumpen in der Milch lösten, schnitt sie Obst – eine halbe Banane, einen halben Apfel, einen Pfirsich, drei Erdbeeren – in kleine Stücke und schichtete die Obstsorten getrennt voneinander übereinander in eine schmale, aber hohe Müslischale, die an eine sehr breite Tasse erinnerte. Über das Obst löffelte sie eine Bodendecke weißen Biojogurt, auf den sie etwas Zimt streute. Eine halbe Erdbeere ganz obendrauf- perfekt. Regelmäßig war es ihr fast zu schade, ihr Frühstück auch wirklich aufzuessen, so wunderschön sah es aus, so vollendet, so perfekt. Und sie dachte daran, wie komisch es war, dass sie in all den Jahren sich nie von ihrem Lieblingsgetränk, dem Kakao, lösen konnte, obwohl sie ja eigentlich gar keine Schokolade mochte. Der Kakao war alles, was von ihrem alten Ich übrig blieb. Der Kakao war das einzige, was nicht in ihr teures Leben passte, auch dann nicht, wenn er doch Fair-Trade war. Reiche Leute trinken Kaffee zum Frühstück, richtig teure Kaffeebohnen, die sie selbst in ihrer Luxuskaffeemaschine mahlen lassen. Sie mochte keinen Kaffee.

Sie setzte sich an den weißen Tisch, dessen Oberfläche vor Sauberkeit glänzte und löffelte ihren Obstsalat, während sie aus dem Fenster schaute und die Stadt betrachtete. Es war früh am Morgen, viel zu früh, sogar zu früh für sie, die eine leidenschaftliche Frühaufsteherin war. Für gewöhnlich hatte sie bevor die Stadt erwachte schon eine halbe Stunde gejoggt, hatte Brötchen gekauft und frische Milch, hatte geduscht und sich angezogen und gefrühstückt. Fertig mit frühstücken war sie meistens gegen halb acht. Heute würde sie nicht joggen, weder die kleine Runde um den Block, noch die große Runde im Park. Sie frühstückte extra langsam, wusste nichts mit der Zeit anzufangen, die ihr noch blieb, bevor ihr großer Moment kommen sollte, wusste nicht, wie sie nicht verrückt werden sollte vor Aufregung und ließ so jeden Löffel Obstsalat genüsslich in ihrem Mund verschwinden. Sie kaute sorgsam, langsam, schindete Zeit. Sie kratzte sogar die Schüssel sauber, etwas, was sie normalerweise vermeiden würde. Sie hatte es nicht nötig, jeden Krümel aufzulecken. Nicht mehr. Danach trank sie den Kakao, zügig. Kakao konnte sie einfach nicht langsam trinken. Der schmeckte besser, wenn man viel davon im Mund hatte. Sie vertrödelte drei Stunden damit, ihre Finger- und Fußnägel mit einem Dunkelrotton zu lackieren, in drei Schichten, in aller Ruhe und aller Perfektion.

Sie wusste schon seit drei Monaten, was sie heute tragen würde: Das weiße Kleid, ärmellos, vorne aufreizend ausgeschnitten, hinten rückenfrei. Dafür war es unten nicht zu kurz, sondern reiche ihr bis über die Knie. Das war ihr wichtig, denn ihre Knie voller Narben sprachen von einer turbulenten Kindheit, von dem Hinfallen beim Fangenspielen und bei Wettläufen durch die Stadt. Das passte nicht zu ihr, nicht heute. Das Kleid war aus dünnem Stoff, Spitze. Sie drehte sich und beglückwünschte sich zum tausendsten Mal zu ihrem Kauf: Das Kleid war so wunderschön, es schmiegte sich an ihren Körper, es war perfekt. Sie hatte es eigens für diesen Tag gekauft, in einer Boutique, in die selbst sie sich noch nicht getraut hatte, aus Ehrfurcht vor den Preisen. Sie wird das Kleid heute ein einziges Mal tragen. Sie suchte in ihrem Kleiderschrank nach dem dünnen, roten Gürtel, der einen Akzent zu ihrem schlichten Kleid bieten sollte und als Farbtupfer zu ihren perfekt manikürten roten Fingernägeln passte. Sie zog die silberne Schnalle des Gürtels zu, er lag leicht auf ihrer Taille, als wäre er für das Kleid gemacht. Mit freudig zitternden Händen öffnete sie die Schatulle, in der sie den wenigen kostbaren Schmuck ihrer Mutter verwahrte und strich mit ihren Fingerkuppen über eine schlichte Kette mit einem Diamanten-Anhänger und den Ohrsteckern mit dem roten Edelstein. Diese wird sie heute tragen. Ihr schlichtes Make-up würde sie später richten, es blieb ihr noch gut eine Stunde, bis ihr Taxi sie auf den Weg bringen sollte.

Das Taxi kam pünktlich gegen Mittag, als die Sonne die Stadt in eine Sauna verwandelte. Sie trat aus ihrer Wohnung mit Blick auf die Elbe, ging aus dem ersten Stock die fünfzehn Treppenstufen zu Fuß hinunter, öffnete die Haustür und stöhnte aufgrund der Hitze, die ihr wie eine Wand entgegenschlug. Heiß und unerbittlich. Zügig lief sie auf den Dreizentimeter-Stöckelschuhen dem Taxi entgegen, begrüßte den Fahrer und nahm ihre rote Designerhandtasche auf ihren Schoß. Sie setzte sich auf die Rückbank des Taxis, wie um dem Fahrer zu signalisieren, er möchte sie nicht ansprechen, nur das dieser das Signal meist nicht erkannte. Sie ließ ihn reden und schaute aus dem Fenster, groß und laut und dreckig lag die Stadt vor ihr, die sie liebte.

Sie kam eine halbe Stunde zu früh an. Problemlos und ohne Stau fuhr das Taxi sie durch die Speicherstadt, links und rechts von ihr die großen Lagerhäuser, und weiter durch die modernen und architektonisch experimentellen Wolkenkratzer beim Überseequartier in der neuen Hafencity. Neuste Bürohäuser stehen neben Baugruben, die Elbe ist von hieraus niemals weit. Der Wolkenkratzer, den sie betritt, bietet in den oberen Stockwerken einen unvorstellbaren Ausblick, besonders bei Sonnenuntergang. Sie betrat das Gebäude durch die Vordertür, eine Schiebetür, die sie selber bedienen musste, da die Automatik seit ein paar Tagen kaputt war und die Techniker erst in sechs Tagen kommen werden. Also schob sie die Tür auf und spürte wie die kühle Ventilatorluft ihr entgegenwehte und sie wohlwollend umgab. Mit dem Aufzug fuhr sie in den siebten Stock, mit ihrer Mitarbeiterkarte öffnete sie dort ihre Bürotür. Sie checkte nur kurz ihre Mails, sog den süßlichen Duft ein, den ihr Duftspender versprühte. Besah sich in ihrem Handspiegel: Make-up: check. Frisur: check. Das Kleid saß noch immer perfekt. Es konnte losgehen.

Es war ruhig und merkwürdig verlassen auf ihrer Etage, besonders für einen Dienstag. Die anderen Etagen sind vermutlich genauso leer, dachte sie. Es lag bestimmt daran, dass die Feier auf der Dachterrasse stattfinden würde. Wer wohl schon da war? Sie fuhr weitere fünf Stockwerke mit dem Aufzug nach oben, stieg aus der verspiegelten Kabine und lief den Gang entlang, bis ganz zum Ende. Die schwere Eisentüre dort führte auf das Dach. Sie öffnete ächzend eben diese und stieg die drei Betonstufen auf die Terrasse. Irgendjemand flüstere „psscht“,was sie aber nicht hörte. Die Terrasse lag da, wie an jedem anderen Tag, der Boden war sandig und Unkraut wuchs durch die Spalten zwischen den Bodenplatten, trostlos, wäre da nicht dieser Ausblick, wegen dem sie oft und gerne für ein paar ruhige Minuten hier nach oben trat. Nichts war schöner als der Blick über die Stadt, die sie liebte und besonders dieser Ausblick war unübertreffbar. Für einen Moment lang war sie verwundert und enttäuscht und wandte sich zum Gehen. Warum war hier niemand? Ihre Einladungen waren verschickt, das Datum und der Ort ihrer Feier eindeutig gekennzeichnet. Sie hatte keine große Überraschung erwartet, aber doch zumindest, dass irgendjemand kommen würde. Doch nun: Nichts. Als sie sich zum Gehen umdrehte, blieb sie geschockt stehen: Ihre Freunde und Kollegen standen mucks-mäuschen still in ihrem Rücken und begannen laut zu feiern, als sie sich umdrehte. Kuchen stand auf Biertischen bereit und die Getränkekisten stapelten sich. Auf dem Boden lagen Unmengen von Konfetti und Luftschlangen. Ihre Gäste tanzten um sie herum, vier Kollegen hoben sie in die Luft und riefen: „Hurra, hurra, die Chefin ist da!“. Es war auf seine eigene Art perfekt. Sie lachte und schloss glücklich die Augen. Angekommen.

Schiffshupen I

Ich erinnere mich an mein altes Dachbodenzimmer im Sommer. Während draußen die Sonne schien, versank ich in Büchern, verschlag sie geradezu. Fast jede Woche suchte ich in der Bücherei nach neuen Schätzen, Tinte auf vielen Seiten Papier, und brachte unzählige Bücher in der nächsten Woche gelesen zur Bücherei zurück. Ich musste mir keine Gedanken machen, den Rückgabetermin zu verpassen, denn ich las viermal so viele Bücher in der Zeit. Die Luft in meinem Dachboden wurde mit zunehmender Wärme stickig und stickiger, daran änderte auch kein offenes Fenster etwas. Noch nicht einmal, wenn beide Dachfenster geöffnet waren, zog die frische Brise, die gewöhnlich immer wehte, durch den Raum. Die Luft in meinem Zimmer stand still und so verhielt es sich auch mit der Zeit. Wenn der Wind auch keine frische Luft und Kühle in mein Zimmer wehte, so brachte er die Geräusche der Straßen und der Gärten hinein und deren Düfte. Frisch gemähtes Gras vermischte sich mit dem salzigen Geruch des Meeres und dem Mittagessensduft der Nachbarn. Die Wellen schlugen an den Strand und wenn Schiffe, vor allem große Containerschiffe, vorbei fuhren, vibrierte das Haus ganz sachte. Ein dunkles Tuckern gab dem bebenden Haus einen passenden Ton.

Die großen Kreuzfahrtschiffe zogen in jedem Sommer aufs Neue eine Menge von Menschen an, die überall am Strand und am Wanderweg über der Elbe nach Kreuzern Ausschau hielten, die zuvor in der Zeitung angekündigt wurden. Die Kreuzer kamen meist abends und ausgestattet mit dünnen Jacken über den Schultern und den Kameras bereit in der Hand, um Fotos zu machen, versammelten sich Schiffliebhaber, Fotografen und Jogger vor unserem Gartentor, welches zum Wanderweg hinausführte. Mein Dachfester bot einen perfekten Blick auf die Elbe, links und rechts war meinem Blickfeld eingerahmt von Bäumen, doch mein Blick auf jegliche vorbeifahrenden Schiffe war ungestört, auch ungestört von den Personen, die unten standen und redeten und wie wir auf den Kreuzer warteten. Wir jedoch hatten die Logenplätze, denn im Gegensatz zu der Menschenansammlung vor unserem Gartentor hatten wir eine grandiose Sicht. Wenn sich wieder ein besonderes Kreuzfahrtschiff an uns vorbei auf den Weg in oder aus dem Hamburger Hafen machte, so versammelte sich meine Familie vor meinem Dachfenster und blickte erwartungsvoll auf die noch leere Elbe. Zu fünft war es vor meinem Fenster eng, ich und mein Bruder standen auf dem Sessel, um durch das Fenster sehen zu können, meine Eltern hinter uns, auf dem Arm meiner Mutter meine kleine Schwester. Anfangs war jedes Schiff ein Ereignis, aber die Freude und Aufregung über vorbeifahrende Schiffe ließ bald nach. Nur Kreuzer, eine Seltenheit, beleuchtet in farbigen Lichtern und imposant, die stolz ihren Namen auf ihrer Brust tragen, so nah an uns vorbeifahrend, dass wir die winkenden Menschen an Deck des Schiffes sahen und wild zurückwinkten, blieben eine lange Weile interessant.

Beobachter

Sie sahen ihr zu, wie sie aufwachte und mit ihren verstrubelten Haaren und verschlafenem Blick ins Bad wankte. Sie kannten ihr ungemachtes Bett und die Anzahl der Kissen, mit der sie es zu schlafen gewöhnt war, ihre kindlichen Bettdecken und wie oft sie sie wechselte. Sie wussten, wie ihr Wecker sie morgens weckte, mit welchem Ton, in welcher Lautstärke, zu welcher Zeit, wie oft. Sie schauten ihr zu, wie sie die Milch über ihre Cornflakes goss und sahen, welchen Tee sie morgens aufbrühte. Sie wussten Bescheid über ihre Lieblingstasse und dass sie die Cornflakes stets mit dem Teelöffel aß.

Sie beobachteten, wie sie sich ihres Pyjamas entledigte und halb nackt in ihrem Kleiderschrank ein frisches T-Shirt suchte, während sie die Hose anzog, von der sie wussten, dass sie sie gestern mit Kakao vollkleckerte. Sie schätzten ihre BH-Größe und ihr Gewicht und dokumentierten ihren Zahnpastaverbrauch. Sie inspizierten ihre Hygieneartikel ohne eine Bewertung dazulassen und kannten die Uhrzeit, zu der sie duschte und wie schief sie darunter sang. Sie wussten, wie oft sie auf die Toilette musste und was sie am liebsten aß, wie oft sie das Geschirr spülte. Sie kannten den Inhalt ihres Kühlschrankes und stellten Prognosen auf, was davon verschimmeln würde.

Sie lasen ihre Bücher, hörten ihre Musik, schauten ihre Filme, belauschten ihre Telefonate. Sie aßen von ihrem Besteck und benutzten dieselben Teller. Ihre Unterwäsche hing für sie sichtbar auf Wäscheständern und das Shampoo verriet, welchen Wert sie auf Marken gab. Sie schauten zu, wenn sie nachts Stunde um Stunde schlaflos im Bett lag, sich von einer Seite zur anderen wälzte, schniefte, trank, ihre Socken auszog und nochmal versuchte einzuschlafen. Keine Träne blieb ihnen verborgen, kein Lächeln ungesehen. Sie beobachteten sie, 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche, in jeder Sekunde.

Ratespiel: Wer waren “sie”?

neues Heim

“Liebe ist ein wenig wie…” dachte sie. Es war früh morgens, die Anzeige ihres Smartphones verriet eine unmenschliche Zeit, vier Uhr dreißig. Sie ist vor einigen Minuten aufgewacht, langsam, wie nach einem langen Schlaf; wie Nieselregen einen langsam durchnäst, wie der erste Schluck Rotwein das Bewusstsein verändert, während er warm die Kehle runterrinnt. Es war Sonntag und ein langer Samstagabend gewesen, bis weit in die Nacht tranken sie den Rotwein aus weißen Plastikbechern, saßen auf Kissen auf den dunklen Holzdielen, mit dem Rücken an die unverputzte Wand gelehnt, mit den Händen ineinander verkeilt. Unbequem hart war der Boden unter ihrer Isomatte, die sie gestern um halb Vier noch in den Umzugskartons gesucht hatten, ebenso wie ihre Decken. Letztere vergeblich. Als Kissen dienten ihnen die eigenen Arme, als Heizung der andere Körper. Liebe war, früh aufzuwachen, mit Schmerzen im Rücken und einem Kater im Kopf, den Blick durch die dunkle Wohnung schweifen zu lassen, nichts neu, aber alles neu für sie, mit der Hand an das Weinglas von gestern zu stoßen, während zwei Hände sie von hinten festhielten, ein warmer Körper an ihrem Rücken, ein Knie zwischen den ihren. Atem bläst ihr warm in den Nacken.

Die Wohnung war ein Glücksfall gewesen: Mitten in Hamburgs linkem Viertel, dritter Stock, bis auf die unverputzten Wände renoviert und bis auf ein paar Jährchen, die das Wohnhaus schon stand, neu. Niedrige Decken, wie man sie heute baut und ordentlich abgeschliffene Holzdielen, die dem Haus einen Hauch von Altbau zu verleihen versuchten. Der Blick aus den Wohnzimmerfenstern geht direkt auf die kleinen Cafes und Restaurants, für die das Viertel bekannt war. Alles war ein Hauch alternativ: In manchen Cafes verschiedenfarbige Stühle, woanders die Einrichtung barock und wiederum an einem anderen Ort Hipster, die Speisekarte stand mit verzierter Schrift an schwarzen Tafeln. Nebenan ein Dönerladen, von außen ranzig, von innen der Innbegriff von Bequemlichkeit, mit Sitzkissen auf den wenigen Stühlen und Decken auf den Sitzplätzen der Fensterbank. Sowieso: Ein Paradies für Vegetarier, Veganer, Allergiker. Sowieso: Der Innbegriff von Multikulturalität. Syrische Falafel neben türkischem Döner, italienischer Pasta, indischem Curry, deutschem Schnitzel. Und wie die Gerichte, so die Besitzer, so die Bewohner dieses Viertels. Es waren nur wenige Meter bis zur roten Flora.

Noch drangen keine Stadtgeräusche an ihr Ohr, Straßenlaternen schickten ein wenig Licht durch ihre Fenster, die Straßen lagen ruhig und verlassen; nur kurz hörte sie betrunkene Schreie von taumelnden Gestalten. Auch in der Wohnung war alles ruhig, Kartons stapelten sich, ein Schrank lag mittig in der Küche und der Schreibtisch versperrte die Tür zum Bad. Einiges musste noch gekauft werden, ein Bett, ein Sofa, neue Töpfe, doch das meiste brachten sie mit. Sie waren alt geworden und sesshaft, und es fühlte sich gut an. Auch in ihr war alles ruhig. Gleimäßig ging der Atem in ihrem Nacken und ihrer dazu im Takt, senkende Brüste, Zufriedenheit, Kopfkino aus. Hier, dachte sie, hier könnte sie bleiben und sie zusammen, sie zusammen könnten alt werden. Langsame Behaglichkeit.

Feierabendrede

“Jem, how can you hate Hitler so bad and be so ugly about folks right at home?” –How to kill a mockingbird

“So etwas wie Hitler, das darf nie wieder”, sagte er etwas zu laut. “Das darf nicht wieder passieren. Menschen dürfen nicht einfach andere Menschen umbringen. Du sollst nicht töten, so steht es sogar in der Bibel. Und die Juden haben uns ja wirklich nichts getan, warum sollte man sie dann umbringen?” fragte er in die Gruppe seiner Freunde. Sie saßen an ihrem Stammtisch in ihrer Stammkneipe, so wie jeden Freitag. Herbert hatte ein bisschen zu viel getrunken, das passierte ihm sonst nicht, und so schwang er Reden, wie er sie normalerweise nicht schwang.

“So viel Leid und so viel Elend, nur wegen einem Typen, der behauptete, Juden seien Müll und wegen so vielen Menschen, die ihm das glaubten. Man, warum glaubten die ihm das eigentlich alle? Wenn ich sage, dass der Michael schwul ist, dann glaubt mir das ja auch keiner, aber ihm haben alle geglaubt. Nur weil er Politiker war. Der hat einfach Menschen umbringen lassen und einen Krieg begonnen, dabei will doch keiner Krieg, weil man möchte ja leben und nicht umgebracht werden. Und wenn der Hitler damals keinen beschissenen Krieg angefangen hätte, dann wären wir jetzt nicht so scheiß abhängig von den USA und es hätte keine DDR gegeben und überhaupt, alles wäre heute besser, wenn Hitler keinen Weltkrieg gestartet hätte.”

So in Rage hatte er sich schon lange nicht mehr geredet, seine Freunde blickten einander an, hoben die Augenbrauen, rollten die Augen und tranken ihr Bier etwas schneller. “Dieser Hitler, das war so ein Scheißtyp. Bringt einfach Menschen um, so Juden und so. Also, bei Homosexuellen kann ich das ja noch verstehen und auch bei Kriminellen, wer will die denn bitte schon, aber Juden, Juden haben ja wirklich gar nichts schlimmer verbrochen, manche hatten viel Geld, aber andere auch nicht, und überhaupt, die haben ja gar nichts böses gemacht. Und manche Menschen, die waren sogar unschuldig in diesen Konzentrationslagern, unschuldig, ich meine, wenn man schon Menschen umbringt in so Gaskammern, so richtig feige, weil eigentlich töten ja nur Frauen mit Gift. Wenn man also schon Menschen so richtig frauenmäßig umbringt, dann sollte man doch zumindest sicher gehen, dass die auch alle schuldig sind. Ich mein, du kannst doch nicht einfach Millionen von unschuldigen Menschen umbringen, Deutsche, die ihr Leben lang gearbeitet haben und Steuern gezahlt haben und eine Familie haben und vielleicht noch nie in ihrem Leben falsch geparkt haben, man, die kannst du doch nicht einfach umbringen!”

Herbert hob die Hand, als ein Kellner an ihrem Stammtisch vorbeilief, “noch ein Astra, bitte”, unterbrach er seinen Monolog kurz, trank sein altes Bier aus, stellte es mit einem ordentlichen Knall zurück auf den Tisch, rülpste und überlegte kurz, wo er stehen geblieben war. Er war ein wenig außer Atem und fand den Anschluss nicht wieder. “Naja, also jedenfalls war dieser Hitler ein richtiger Scheißtyp”, schloss er sein Plädoyer unbestimmt, empfing sein Astra und nippte gedankenverloren. Nächste Woche war Wahl, und er hatte beschlossen, nach jahrelanger Politikverdrossenheit in diesem Jahr seine Stimme abzugeben. Es konnte ja nicht angehen, dass die Flüchtlinge ihm das Geld wegnahmen.

#refugeeswelcome

Schneeleise

Sie mag Schnee und so viel Schnee wie hier, hatte sie schon lange nicht. Nicht so am Stück und nicht so hoch. Als Kind, da machten sie oft Urlaub in der Ferienhütte eines unbekannten Onkels, selbstgebaut von ihm oder dem Opa, oder irgendjemandem, jedenfalls selbstgebaut, aus Holz. Es gab einen riesigen Ofen, den man mit Holz beheizte, und es gab eine riesige Kachelfläche, an der man sich während den Essenszeiten den Rücken wärmen und verbrennen konnte. Dieses Häuschen lag auf der Alb, und es liegt dort noch immer, aber sie fahren dort nicht mehr hin. Auf der Alb gab es immer Schnee als sie dort waren, das war meistens im Winter, über Weihnachten oder Silvester. Eines Silvesters waren die Schneeberge am Wegesrand so hoch, höher als sie, und man konnte Wunderkerzen hineinstecken, die wunderschön brannten. Eines Ostern versteckten ihre Eltern am Vorabend die Eier, und am nächsten Tag musste sie im Schnee suchen. Es gab dort auch einen Hang, zum Schlittenfahren. Zum Skifahren auch, aber sie fuhr nur Schlitten damals. Ski fuhr sie erst Jahre später, in Österreich, im Winter.

Als sie klein war, gab es jede Weihnachten Schnee. Das gehörte zu Weihnachten dazu, wie die Geschenke und der beschmückte Baum. Als sie klein war, gab es wochenlang Schnee, in dem sie herumtollen konnte, Schneeballschlachten verantstaltete und Schneeengel machte. Vor allem die Schneeengel liebte sie, und natürlich die Schneemänner, die sie baute. Jetzt gab es kaum noch Schnee. Drei Tage lang im Januar, mehr Matsch und Eis, als wirklich weißer Schnee. Regen, ja, Hagel auch, doch Schnee selten. Es war zu warm, zu warm geworden, man konnte nicht behaupten, es gäbe keinen Klimawandel, wenn man als Kind Schnee hatte und jetzt nicht mehr. Normale erwachsene Menschen freuten sich, es war so einfacher zur Arbeit zu kommen und zurück, kein Eiskratzen, kein Stau, kein Salzstreuen und kein Auf-die-Fresse-fliegen. Doch eben auch kein Weihnachten.

Dort wo sie war, gab es plötzlich Schnee. Tagelang, wochenlang. Es war so kalt, das er nicht nach wenigen Stunden schon wieder schmolz. Hätte sie das gewusst, hätte sie doch ihre dicken Handschuhe und ihre Winterstiefel mitgenommen; hätte sie das gewusst, hätte sie Möhren für die Schneemannnasen gekauft. Autoreifen drückten Spuren auf die Fahrbahn, wie Schuhe und Tatzen auf den Bürgersteig. Die Flocken tanzten den Himmel herab, flogen im Wind, schaukelten ihren Weg auf den Asphalt und ließen sich alle Zeit. Sie bedeckten Straßen und Dächer, von Häusern und Autos. Sie färbten die Welt leise. Schneeleise. Und es war wieder Weihnachten, auch wenn es Januar war.